Variation zu Von dem Fischer und seiner Frau
(Gebrüder Grimm)
Die Worte hallten noch in ihm, als er seine Suppe schon halb
ausgelöffelt hatte. Wie konnte Sie so ungerecht sein. Er
hatte doch nur helfen wollen, das entsprach einfach seiner Natur,
zu helfen, wenn Einer in Not war.
Er liebte seine Arbeit, oder eigentlich: er liebte das Meer.
Das klare Wasser, die leichte Brise, die kräuselnden Wellen,
die Stille. Und auch die Rauheit des Meeres, steife Brise, hohe
Wellen, kämpfen für den großen Fang. Gerade in
diesen Momenten, in denen Landratten von Gefahr und Angst gesprochen
hätten, spürte er sich: Im Kampf, der Natur ein Netz
voller Fische abzuringen, in der Gefahr, alles zu verlieren, das
Netz, das Boot, das Leben. Er war ja kein kleiner Junge mehr und
gewiss keine Landratte, denen bei eine Dreimeterwoge schon schlecht
wurde. Aber es gab einfach auch Kollegen, die es erlebt hatten:
gestrandet, alles fortgeschwemmt, zerbrochen. Deshalb war es eben
auch wichtig, aufeinander zu achten, Konkurrenz hin oder her.
Aber heute war es eben auf eine Weise beängstigend anders
geworden, die nichts mit Wellen und Wind zu tun gehabt hatte.
Es schwindelte ihn noch davon, aber das hatte nichts mit den hohen
Wellen zu tun gehabt. Ihm war vielleicht so gewesen, wie den Hirten
auf dem Felde, denen die Engel begegnet waren. Obwohl er zugeben
musste, dass der Fisch nichts von diesem himmlischen Leuchten
gehabt hatte, welches man um die Köpfe der Heiligen in Gold
malte. Er hatte auch keine Flügel gehabt und schon gar nicht
gesungen, mit seiner rostigen tiefen Stimme. Wie er sich auch
nicht freiwillig zu ihm begeben hatte. Es hatte seine, des Fischers,
ganze Erfahrung, Kraft und sein Geschick erfordert, ihn ins Boot
zu bekommen. Er hatte ihm gerade eines auf die Mütze geben
wollen, als das Tier zu sprechen begonnen hatte. Das heißt,
zuerst hatte es gestöhnt, das hatte schon so menschlich geklungen,
dass er das Messer wieder hatte sinken lassen. Der Fisch hatte
gesagt: „Danke.“ Dann hatte er sehnsüchtig auf
die wogende See geblickt, die sich langsam beruhigte. Dann hatte
er wieder deutlich vernehmbar und mit viel Gefühl „Bitte“
gesagt.
Wie gesagt, es entsprach einfach seiner Natur, zu helfen, wenn
ein Mensch, oder ein ...Fisch in Not war. Zumindest, wenn er sprechen
konnte, fügte er in Gedanken hinzu. Deshalb hatte er nur
kurz gezögert, und den Fisch dann mit viel Kraft über
die Kante geschoben. Der Fisch hatte geholfen, indem er die Muskeln
angespannt und sich ganz lang gemacht hatte.
Mit einem „Schwapps“ verschwand einer der größten
Fische, die er je ins Netz bekommen hatte, wieder in der See.
Der Fisch war im nächsten Moment noch einmal aufgetaucht
und hatte mit einer Eleganz, die der Fischer ihm nicht zugetraut
hatte, einen Salto mit Drehung um die eigene Achse vorgeführt.
Er kam sich albern vor, wenn er daran dachte, aber er hätte
fast in die Hände geklatscht vor Begeisterung und Überraschung.
Danach war der Fischer noch eine Weile sitzen geblieben, um sich
den Sonnenuntergang anzusehen und dann war er mit seinem restlichen
Fang zurück in die Bucht gesegelt.
„Torfkopf“ hatte sie in genannt. Er hatte ihr die
ganze Geschichte erzählt und er wusste noch immer nicht,
warum sie ihm geglaubt hatte. Aber so wie den Hirten auf dem Felde,
die die Engel gesehen – und gehört – hatten,
hatte vielleicht auch er eine Art von Glanz im Gesicht ... nein,
korrigierte er sich, bestimmt war er nur mit weit aufgerissenen
Augen vor ihr gestanden und sie hatte ihm einfach glauben müssen.
„Einen Zauberfisch“, hatte sie behauptet, „so
einfach wieder laufen zu lassen, das ist einfach nur dumm. Du
hättest ihm wenigstens einen Wunsch abverlangen können!
Wir sitzen hier in diesem Pisspott von einem Haus schon seit unserer
Hochzeit fest. Wenn ich da an deinen Schwager denke, der meiner
Schwester ein Haus oben in der Stadt gebaut hat - sie haben sogar
ein Kinderzimmer!“
Nicht schon wieder die Vergleiche, dachte er. Die endeten immer
damit, dass er auf dem Sofa schlafen musste, wobei er sich den
Rücken verbog, und morgen würde er wieder den ganzen
Tag Rückenschmerzen haben.
„Dass ich so einen dummen Mann heiraten musste!“,
schimpfte sie weiter. Ihm fiel wieder der Fisch ein, der nur zwei
Worte gesagt hatte, und mit dem er sich nun irgendwie verbunden
fühlte. Er sah das Bild wieder vor sich, der Fisch, der auf
das Wasser blickte und dieses „Bitte“.
„Ich fahre morgen noch mal an die Stelle und frage ihn,
ob er uns ein Haus schenken kann.“ Wie die Worte und die
Entschlusskraft in seinen Mund und in seiner Stimme gekommen waren,
wunderte er sich nachher. Normalerweise ertrug er den Streit mit
seiner Bille einfach nur. Er war eben draußen der Herr der
Lage, drinnen im Haus hatte sie die Hosen an.
Aber nun war es gesagt, und der Gedanke, diesen Fisch wieder zu
treffen, vielleicht sogar mit ihm zu sprechen, war sehr ...aufregend.
Außerdem war sie nun so verdutzt über seine Entschlusskraft,
dass er den Moment genoss, in dem sie mit offenem Mund da saß
und sich langsam ein stolzes Lächeln auf ihrem Mund zeigte.
Wie früher, dachte sein Herz in diesem Moment, so haben wir
uns immer angeguckt, als wir frisch verliebt waren.
„Abgemacht“, sagte sie.
Als sie daraufhin den Tisch abdeckte, sah er sie plötzlich
wieder mit alten Augen, und auch sie sah immer wieder über
ihre Schulter zu ihm rüber.
Sie gingen früh schlafen an diesem Abend.
geschrieben im Juni 2008
Sebastian
Leenen
Das Märchen:
http://gutenberg.spiegel.de
Mehr über das Märchen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Vom_Fischer_und_seiner_Frau